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Politisches Stockholm-Syndrom: Deutschland träumt von Merkel als Bellevue-Schlossgespenst

Das Gerücht, Angela Merkel könnte als Bundespräsidentin in die aktive Politik zurückkehren, treibt der CDU-Spitze Schweißperlen auf die Stirn und entlarvt die Verzweiflung der Grünen. Auch wenn die Altkanzlerin die Spekulationen als „abwegig“ abtut, zeigt allein die Debatte, wie sehr das politische Berlin noch immer von ihrem Schatten dominiert wird.

von Klaus Albrecht Möller

Man musste in den letzten Tagen in Berlin schon ein sehr starkes Beruhigungsmittel zur Hand haben, um die politische Gerüchteküche unbeschadet zu überstehen. Ausgerechnet die Grünen, so trommelten es die Alarmglocken der Hauptstadtmedien, spielten ernsthaft mit dem Gedanken, der CDU jene Frau als nächste Bundespräsidentin vorzusetzen, die das Land über anderthalb Jahrzehnte in eine wohlige, aber fatale Tiefschlafphase manövriert hatte. Die Vorstellung, dass Angela Merkel in das Schloss Bellevue einziehen könnte, hat in der CDU-Spitze nicht etwa freudige Euphorie, sondern pures, unverfälschtes Entsetzen ausgelöst. Es mutet fast wie ein politischer Treppenwitz an, dass ausgerechnet die Ökopartei, die sich sonst so gerne als Erneuererin inszeniert, ihr Heil in der Reanimation der Mutter der Stagnation sucht, um der Union eine Falle zu stellen.

Natürlich ließ die Altkanzlerin die brodelnde Suppe nicht lange unkommentiert überkochen. Eine Sprecherin aus ihrem Büro ließ mit der gewohnt unterkühlten Uckermark-Rhetorik mitteilen, dass derartige Spekulationen schlichtweg „abwegig“ seien, wie Der Spiegel treffend notierte. Doch in der Politik ist ein Dementi oft nur die festlichere Umschreibung einer noch nicht ganz gereiften Wahrheit. Dass Merkel selbst die Gerüchte so rasch und humorlos abbügeln ließ, zeigt vor allem eines: Sie weiß genau, welche toxische Wirkung ihr Name im Konrad-Adenauer-Haus noch immer entfaltet. Es ist das Spiel einer Ruheständlerin, die es sichtlich genießt, aus der Kulisse heraus die Drähte just in dem Moment straff zu ziehen, wenn ihr Nach-Nachfolger Friedrich Merz gerade glaubt, er hätte die Partei endlich auf seinen Kurs gebracht.

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Friedrich Merz, jener Mann, der sich jahrelang an Merkels Kälte die Zähne ausbiss, dürfte bei der Vorstellung einer Präsidentin Merkel wohl den Kaffeelöffel in der Hand verbogen haben. Die beiden verbindet eine tief sitzende, innige Abneigung, die so zerrüttet ist, dass selbst diplomatische Floskeln zur Rarität geworden sind, worauf Die Zeit völlig zu Recht hinweist. Hätten die Grünen diesen Schachzug tatsächlich gewagt, säße Merz in der perfekten Zwickmühle: Lehnt er die eigene Altkanzlerin ab, gilt er als kleinlicher Racheengel; unterstützt er sie, degradiert er sich zum Erfüllungsgehilfen der grünen Strategie und verpasst seiner eigenen konservativen Agenda den finalen intellektuellen Todesstoß.

Dass Merkel nun überraschend ankündigte, erstmals seit ihrem Abgang wieder an einem CDU-Parteitag teilzunehmen, gleicht einer kleinen, perfiden Machtdemonstration. Pünktlich zu jenem Termin in Stuttgart, an dem Merz als Parteichef bestätigt werden soll, wird sie im Saal sitzen – nicht als einfache Zuhörerin, sondern als stumme Erinnerung an eine Ära, die Merz so gerne ungeschehen machen würde. Es bedarf keiner großen prophetischen Gaben, um zu erahnen, dass die Kameras öfter auf Merkels unbewegte Miene gerichtet sein werden als auf den redenden Vorsitzenden auf der Bühne. Es ist die Rache der Kanzlerin in homöopathischen Dosen.

Das Gerücht um den höchsten Posten im Staat offenbart allerdings nicht nur die Nervosität der Union, sondern vor allem die intellektuelle Insolvenz des linken Lagers. Wenn selbst den Grünen in Nordrhein-Westfalen nichts Besseres mehr einfällt, als den Ruf nach einer „ersten Frau im höchsten Staatsamt“ mit dem Namen Angela Merkel zu verknüpfen, dann haben sie offenbar endgültig abgewirtschaftet. Es zeigt eine Partei, die so verzweifelt auf der Suche nach gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit ist, dass sie lieber die Galionsfigur der bürgerlichen Mitte recycelt, als eigenes, fähiges Personal aufzubauen. Merkel als grüne Wunschpräsidentin – das ist der ultimative Offenbarungseid für eine politische Linke, der die echten Visionäre längst abhandengekommen sind.

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Natürlich hat bisher noch nie ein ehemaliger Bundeskanzler nach seiner Amtszeit das Amt des Bundespräsidenten übernommen. Es widerspricht vollkommen dem Charakter dieses Amtes, das sich über den Niederungen der Parteipolitik erheben soll. Angela Merkel, deren Regierungsstil stets von einer gnadenlosen Pragmatik, asymmetrischer Demobilisierung und knallharter Machterhaltung geprägt war, als moralische Instanz im Schloss Bellevue? Die Vorstellung ist absurd. Ihre Reden als Kanzlerin waren legendär für ihre narkotisierende Wirkung; als Bundespräsidentin müsste sie plötzlich Orientierung und Inspiration liefern – Disziplinen, die sie in 16 Jahren erfolgreich gemieden hat.

Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Die Tatsache, dass ein einziges Gerücht ausreicht, um die halbe Republik in Aufruhr zu versetzen, belegt, wie ungesund die Fixierung auf diese eine Frau noch immer ist. Deutschland scheint an einem politischen Stockholm-Syndrom zu leiden: Die Geisel sehnt sich nach der Entführerin zurück, weil die neuen Wärter zu unberechenbar wirken. Merkel muss gar nicht antreten, um das Land zu dominieren; es reicht, wenn hin und wieder jemand ihren Namen in die Luft wirft.

Am Ende bleibt das Dementi. „Abwegig“ nennt sie es, und man möchte ihr fast glauben, so sehr berichtet die Medien von dieser unmissverständlichen Absage. Wahrscheinlich sitzt Angela Merkel in der Uckermark, blickt auf das panische Treiben der Parteistrategen in Berlin, isst ein Stück Streuselkuchen und freut sich diebisch darüber, dass sie Friedrich Merz mit einem simplen „Vielleicht“ den Tag ruinieren konnte. Präsidentin wird sie nicht. Aber sie bleibt der ruhelose Geist, der durch die Flure der Macht spukt und den Nachfolgern das Fürchten lehrt.

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