Ein fünfseitiger Brief, ein paar freundlich verpackte Sätze über Gemeinschaft – und doch liest sich das Papier wie eine offene Ohrfeige für Markus Söders Politikstil. Manfred Weber redet nicht um den heißen Brei herum: Die CSU hat für ihn zu viel Show, zu wenig Substanz und zu wenig Zukunft.
Von Stefan Obermeyer
Was da am Pfingstwochenende verschickt wurde, ist weit mehr als eine interne Denkschrift. Es ist der Versuch eines Mannes, der sich in der Partei offensichtlich für gewichtiger hält, als er es offiziell zugeben muss, die Richtung der CSU neu zu definieren. Weber spricht von Gemeinschaft, Zusammenhalt und Vision – und meint damit vor allem das Gegenteil von dem, was Söder seit Jahren vorführt: Schlagzeilen, Klickzahlen, Inszenierung und politische Selbstvermarktung.
Der Brief ist keine Geste, sondern eine Kampfansage
Weber nennt Söder nicht beim Namen. Das ist politisch sauber – und trotzdem durchsichtig. Wenn er schreibt, man gewinne Rückhalt nicht mit „Schlagzeilen noch mit Klickzahlen“, dann ist klar, wer gemeint ist. Wenn er erklärt, eine High-Tech-Agenda reiche nicht aus, dann trifft das den bayerischen Regierungschef mitten ins Mark, dessen Politik sich seit Jahren zwischen Staatskanzlei, Social-Media-Show und Dauer-Selbstinszenierung bewegt.
Die eigentliche Botschaft lautet: Die CSU soll wieder eine Erzählung haben. Nicht nur ein paar Förderprogramme, nicht nur ein paar gestanzte Sprüche, nicht nur eine Kulisse aus Modernität und Verwaltungserfolg. Weber will offenbar zurück zu einer Partei, die sich als Weltdeuterin begreift – und nicht als PR-Maschine mit Lederhose.
Söders Stil ist längst selbst das Problem
Dass dieser Brief überhaupt so einschlägt, liegt daran, dass Söder intern längst nicht mehr als unantastbar gilt. Die schwachen Kommunalwahlergebnisse, der Ärger in der Fraktion und die sichtbare Gereiztheit im Parteiapparat haben eine Lage geschaffen, in der selbst höflich formulierte Kritik wie ein Paukenschlag wirkt. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt den Brief als indirekte, aber unzweideutige Attacke auf Söders Kurs.
Genau das ist der entscheidende Punkt: Söder hat die CSU in eine Partei verwandelt, die permanent auf Effekte schielt. Mal wird gegessen, mal posiert, mal inszeniert, mal gewitzelt. Das mag kurzfristig Aufmerksamkeit bringen. Aber politisch erzeugt es vor allem Erosion. Eine Partei, die ständig Theater spielt, verliert irgendwann den Anspruch, ernst genommen zu werden.
Weber redet von Patriotismus – und trifft damit einen wunden Punkt
Besonders deutlich wird Weber beim Thema Verteidigung. Er macht klar, dass ihm Hymnenpflicht und identitätspolitische Symbolik zu wenig sind. Der Satz, dass das Absingen von Hymnen bei Abiturfeiern zwar wichtig sei, aber die Frage der Verteidigungsfähigkeit mehr über gelebten Patriotismus sage, ist keine Randbemerkung. Das ist eine spitze Ohrfeige für eine CSU, die sich gern patriotisch gibt, aber nach außen oft vor allem an Symbolpolitik arbeitet.
Weber fordert sogar einen Sonderparteitag, um über Geopolitik, Verteidigung und die Zukunft des Freihandels zu sprechen. Das klingt nach Grundsatz. Es klingt aber auch nach Machtanspruch. Denn wer einen Sonderparteitag verlangt, will nicht nur diskutieren – der will die Agenda setzen. Und genau deshalb ist der Brief so gefährlich für Söder: Er wirkt nicht wie ein Beitrag, sondern wie der Beginn einer Gegenbewegung.
Der Machtkampf ist da – auch wenn alle noch so tun, als wäre es keiner
ZDFheute bringt den Kern der Lage auf den Punkt: Die Frage ist längst, ob aus Webers Vorstoß ein echter Machtkampf in der CSU wird. Offiziell betont man in München noch Loyalität und Teamgeist. Inoffiziell ist die Lage deutlich härter. Klaus Holetschek kontert, Weber liefere Fragen, aber keine Antworten. Andere CSU-Leute sprechen schon davon, dass weniger Show und mehr Ernsthaftigkeit nötig sei. Das ist kein Zufall, sondern ein Frontalangriff auf den Stil, den Söder über Jahre gepflegt hat.
Die CSU steht damit vor einer klassischen Selbstblockade: Söder ist zu laut, um einfach zu verschwinden, und Weber zu ehrgeizig, um still zu bleiben. Dazu kommen weitere Spieler wie Dobrindt, Holetschek, Blume oder Aigner, die alle ihre eigene Rolle im kommenden Ringen haben. Das Resultat ist eine Partei, die sich öffentlich als Regierungsmacht gibt, intern aber wie ein Lager voller Rivalen wirkt.
Am Ende geht es um mehr als einen Brief
Der Pfingstbrief ist deshalb nicht bloß ein internes CSU-Papier. Er ist ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass selbst in einer scheinbar disziplinierten Partei die Geduld mit Söders Dauerinszenierung abnimmt. Weber sagt das nicht mit dem Holzhammer, sondern im Ton des Apparats. Genau darum ist die Botschaft so brisant.
Denn wenn die CSU sich künftig wieder als Volkspartei begreifen will, muss sie irgendwann entscheiden, ob sie Politik machen will oder Show. Weber hat sich entschieden, diese Frage öffentlich zu stellen. Jetzt wird sich zeigen, ob das der Anfang einer Neuaufstellung ist – oder nur der nächste Akt im alten bayerischen Machtspiel.
